Sachsens Kultur vor dem Kahlschlag? Sachsen muss sparen - und setzt ausgerechnet bei der freien Kulturszene drastisch den Rotstift an. Der Regierungsentwurf für den Doppelhaushalt 2027/28 sieht vor, das Förderbudget der Kulturstiftung um bis zu 50 Prozent zu kürzen. Von den jährlich mehr als 1.000 geförderten Projekten findet über die Hälfte außerhalb der Großstädte statt. Was wird aus der Kultur im ländlichen Raum? Was die Kürzungen konkret bedeuten können, zeigt sich zum Beispiel im Kulturbahnhof Leisnig und in Augustusburg. Hier haben zwei Vereine leerstehende Gebäude in lebendige Orte verwandelt. Ohne Förderung stehen Konzerte, Workshops und Bildungsangebote vor dem Aus. Gerade im ländlichen Raum Sachsens, wo Begegnungsorte fehlen und gesellschaftliche Konflikte wachsen, drohen diese Räume für Austausch und demokratische Teilhabe nun zu verschwinden. Kulturschaffende warnen vor einem dauerhaften Verlust mühsam aufgebauter Strukturen. Noch ist der Haushalt nicht beschlossen. Nun muss der Sächsische Landtag entscheiden: Wie viel ist dem Kulturland Sachsen seine kulturelle Vielfalt wert? Marieke Reimann "Zweite Wende. Warum Ostdeutschland uns alle angeht" "Die Ossis jammern nicht, sie wählen." Mit diesem Satz endete der Kommentar von Marieke Reimann in den ARD-Tagesthemen 2024. Viele Reaktionen darauf waren zunächst wütend: Schon wieder erkläre eine Westdeutsche den Osten. Doch sie hatten sich geirrt. Marieke Reimann ist kurz vor der Wende in Rostock geboren und in einem Neubauviertel aufgewachsen. Als sie das in den Kommentaren klarstellte, kippte die Stimmung: Aus Empörung wurde Erleichterung - endlich fühlte man sich gehört. Diese Erfahrung war für sie auch eine Motivation, ein Sachbuch zu schreiben, das die Debatte mit konkreten Fakten führt und die gravierenden Unterschiede zwischen Ost und West benennt. In ihrem Buch "Die zweite Wende" verbindet Reimann ihre eigene Nachwendebiografie mit einer Bestandsaufnahme der deutschen Einheit. So verdient nach wie vor in Mecklenburg-Vorpommern jeder Dritte weniger als 2.700 Euro brutto, während in Hamburg ein durchschnittliches Bruttoeinkommen von rund 4.500 Euro gezahlt wird. Gerade beim Vermögen zeigt sich die Schieflage: Nur zwei Prozent der Erbschaftssteuer werden im Osten erhoben, denn kaum einer vererbt hier so viel, dass eine Steuerpflicht anfällt. Und ohne Vermögen und ausgezeichnete Netzwerke sind Karrieren in Führungsebenen sehr viel schwerer zu erreichen. Was müsste sich ändern, damit Herkunft, Vermögen und die richtigen Netzwerke weniger darüber entscheiden, wer in Deutschland aufsteigen und mitbestimmen kann? Darüber spricht "artour" mit Marieke Reimann - und über ihre Vorstellung davon, warum Deutschland eine "zweite Wende" braucht und warum wir vielleicht längst mittendrin sind. Rembrandt in Gotha Es klingt etwas modern, hat aber gute Gründe: "Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke" heißt die aktuelle Ausstellung im Herzoglichen Museum Gotha. 1632 war das wohl prägendste Jahr des berühmten holländischen Künstlers, sowohl stilistisch als auch biographisch. In Zusammenarbeit mit den Kasseler Kunstsammlungen und mit hochkarätigen Leihgaben erzählt die Ausstellung, wie der 26-jährige Maler aus Leiden in das größere Amsterdam wechselt und in sehr kurzer Zeit zum gefragten Porträtisten wird. Er malt in diesem Jahr 32 Gemälde, zehn Prozent des Gesamtwerkes. Und er verkürzt seine Signatur zum Vornamen - wie ein Genie der italienischen Renaissance. Der Maler heiratet, wird Mitglied der Zunft, gründet eine Werkstatt. Diese Werkstattpraxis beschäftigt bis heute hunderte Restauratoren und Kunsthistoriker mit der Frage: Was ist ein Rembrandt? Ein besonderer Fall ist eine spannende Gothaer Geschichte: Für das Bild eines bärtigen alten Mannes, früher als Werkstatt-Bild behandelt, wird neuerdings erwogen, ob man es vielleicht als Rembrandt "von eigener Hand" verstehen dürfe. Thomas Mann und die schwierige Rückkehr - Paweł Pawlikowskis "Vaterland" Im Juli 1949 fährt ein Auto mit einem besonderen Gast durch das vom Krieg zerstörte Frankfurt/Main. Nach 16 Jahren im Exil besucht Thomas Mann erstmals wieder Deutschland. Anlässlich des 200. Goethe-Geburtstages wird Mann mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet und wenige Tage später in Weimar mit dem Goethe-Nationalpreis. Es ist eine schwierige Rückkehr des Nobelpreisträgers in sein Vaterland. Deutschland ist gespalten, die Bundesrepublik hat sich gerade gegründet und der Osten des Landes ist sowjetische Besatzungszone. Thomas Mann sieht sich jenen daheimgebliebenen Künstlern gegenüber, die ihr Mitläufertum unter den Nazis als "innere Emigration" gedeutet wissen wollen. Und er ist Anfechtungen ausgeliefert, die Naziherrschaft und den Bombenkrieg risikolos vom Logenplatz im kalifornischen Exil aus kommentiert zu haben. Der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski hat aus diesem Wiedersehen Thomas Manns mit Deutschland einen bemerkenswerten Spielfilm inszeniert, "Vaterland". Mit Hilfe eines Kunstgriffs verschafft Pawlikowski dem Ereignis eine spannungsreiche Zuspitzung. Er lässt Thomas Mann auf seiner Reise von seiner Tochter Erika begleiten und nicht, wie tatsächlich geschehen, von Katja Mann. "Vaterland" ist mit Hanns Zischler als Thomas Mann und Sandra Hüller als Erika und bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. In Cannes gab es für Pawlikowski den Preis für die beste Regie. "Vaterland" startet am 3. September in den Kinos. Kulturkalender